Aktion Stolpersteinverlegung für Ludwig Guttenberger



zvwPalmizi1_klein
NaturFreunde Schorndorf Vorsitzender Klaus Reuster bei der Verlegung der Stolpersteine am 03.05.21
Foto: ZVWPalmizi


Die Familie Guttenberger in Schorndorf

Am 22. November 1935 zogen Anton Guttenberger (*1892) und seine Frau Johanna (*1893) mit ihren Kindern Elisabeth (*1931), Johannes (*1929), Marie (*1928), Berta (*1926), Karoline (*1925), Gustav (*1923), Rudolf (*1921), Ludwig (*1920), Albert (*1917) und Johanna (*1914) in die Römmelgasse 8 nach Schorndorf.
Ludwig kam am 30. März 1920 in Wimmental bei Weinsberg zur Welt.
Er wuchs in einer äußerst musikalischen Großfamilie auf. Ludwig beherrschte das klangschöne Instrument Zimbal sowie Bratsche und Violine. 1939 war er für kurze Zeit in der Sparte Orchester- und Unterhaltungsmusiker Mitglied der Reichsmusikkammer.
Ludwigs Traum vom Leben als Musiker endet im Dezember 1939 als er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und in Leonberg für den Bau der Reichsautobahn benötigt wurde. Vom 19. 6. – 14.10. 1940 war Ludwig an der Flak in Ostrau Mitglied der Wehrmacht. In der Wehrmacht dienten auch seine Brüder Rudolf und Albert. Im Juni 1941 wurden Rudolf, Albert und Ludwig aus rassischen Gründen auf der Wehrmacht entlassen.
Ausgrenzungserfahrungen durch die Behörden musste die Familie aufgrund der nationalsozialistischen Rassenideologie häufig erfahren. Als im Januar 1936 die Bestimmungen der „Nürnberger Rassengesetze“ auch auf die Sinti und Roma angewandt wurden, versuchte im März 1936 die Stadtverwaltung den Guttenbergers das Wahlrecht zu entziehen. Die Gewährung einer Kinderbeihilfe scheiterte 1938 am Sippenfragebogen und auch für die Erteilung eines Wandergewerbescheins musste die Familie 1939 zahlreiche Hürden überwinden.
1938 sollte die Familie von der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ untersucht werden. Anfang April weigerten sich Anton und Johanna Guttenberger die Prozedur über sich ergehen lassen. Im Juli kam es dann doch zu Untersuchung. Ludwig und seine Familienmitglieder wurden vermessen und befragt. Diese „gutachterlichen Untersuchungen“ – Länge von Ludwigs Ohrläppchen: 17 cm – dienten der Erfassung der Sinti und Roma und waren die Grundlage für Zwangsmaßnahmen bis hin zur Verschleppung und Ermordung.

1939 ordnete Himmler in seinem „Festsetzungserlass“ die Festsetzung aller sesshaften und nichtsesshaften Sinti und Roma an. Die Guttenbergers müssen diesen Erlass erst nach der Entlassung der Söhne aus der Wehrmacht im August 1942 unterschreiben. Spätestens jetzt ist ihnen bewusst „Wir gehören nicht dazu“.
Im Dezember 1942 befiehlt Himmler mit seinem „Auschwitz-Erlass“ den Massenmord der Sinti und Roma.

Am 13. März 1943 werden Anton, Johanna, Rudolf, Berta, Marie, Elisabeth, Johannes und das Pflegekind verhaftet, übers Wochenende eingesperrt und am 15. März zum Nordbahnhof nach Stuttgart gebracht. Im KZ Auschwitz kommen sie am 18 März an. Anton und Elisabeth werden dort am 26. Juli ermordet, auch Johanna stirbt vermutlich im Juli, Karl im August, Berta und Maria im Dezember 1943 und Frühjahr 1944 elendiglich an Hungertyphus, wie auch Johannes am 14. September in Buchenwald.
Die 2008 und 2009 verlegten Stolpersteine in der Römmelgasse 8 erinnern an sie.
Rudolf muss in Natzweiler Giftgasversuche über sich ergehen lassen. Er überlebt, ebenso Karoline, die nach einer Denunziation einer Arbeitskollegin im Dezember 1943 nach Auschwitz eingeliefert wird.

Wie Albert war auch Ludwig im März 1943 auf der Flucht. Im Juni wird er in Tübingen verhaftet, sitzt im Gefängnis und kommt überraschend Anfang Oktober frei. Sein Traum von der Freiheit währt nicht lange. Am 27. Oktober wird er wieder verhaftet. Mitte Dezember ist auch er Häftling im KZ Auschwitz. Nach dem Aufstand im Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau im Mai 1944 wird er Anfang August 1944 ins KZ Ravensbrück verlegt.
Der letzte schriftliche Nachweis über ihn aus der NS-Zeit findet sich auf einer Transportliste des Lagers Ravensbrück, auf der vermerkt ist: „9662, Zig., Guttenberger Ludwig, 30.3.20, Bergen-Belsen, 30.9.1944“ und ein Schrägstrich als Zeichen für erfolgt.

Fragen nach Ort, Zeitpunkt und der Schuld an dem Tod von Ludwig Guttenberger
Da die SS im Zuge der Räumung der Lager Bergen-Belsen und Neuengamme (bei Hamburg) die Dokumente der Verwaltung verbrennen ließ, muss der weitere Verfolgungsweg von Ludwig Guttenberger über die Aus- sagen von Zeitzeugen nachvollzogen werden.

Ohne nähere Angaben stellte 1948 Dekan Josenhans – ein Freund der Familie Guttenberger – in seiner Kriegs- chronik fest: „Der 24jährige Ludwig wurde im Frühjahr 1945 auf einem Schiff vor Hamburg versenkt.“ Seine Feststellung ist identisch mit den Aussagen von Ludwigs Geschwistern in der Nachkriegszeit. Gestützt werden die Behauptungen durch die 2020 bekannt gewordenen Aussagen von Julius Schätzle. Schätzle, Mitglied der KPD, überlebte die Tragödie auf dem ehemaligen Luxusdampfer „Cap Arcocona“ und kehrte im September 1945 nach Stuttgart zurück. Er berichtete seinem Urbacher Genossen Gottlob Bantel, dass auch Ludwig Guttenberger aus Schorndorf auf der „Cap Arcona“ war. Von Gottlob Bantel gelangte die Information an seine Frau Emma Bantel, die Ende der 30 Jahre ein langjähriges Verhältnis mit Ludwig Guttenberger hatte. Im Zuge der Recherchen über Ludwig Guttenberger berichtete 2020 ihre Tochter Hilde Bantel über die Aus- sage Julius Schätzle an ihren Vater.

Neben der unsicheren Faktenlage über Ort und Zeitpunkt von Ludwigs Tod, stand lange Zeit die Frage nach der Schuld an Ludwigs Tod im Raum. Wurde er nicht am 3. Mai 1945 durch einen Angriff Britischer Bomber bei dem 7.000 Häftlinge den Tod fanden, getötet?
Das Versagen der Briten bei ihrem Angriff fünf Tage vor Kriegsende ist nicht zu bestreiten. Die Schuld der Nationalsozialisten ist – angesichts Himmlers Befehl, „Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes fallen“ und den Tatsachen, dass die SS an der „Cap Arcona“ auf dem Schiff für katastrophale Zustände sorgte, Fluchtmöglichkeiten deinstallierte, Rettungsboote blockierte, Sprengladungen anbrachte, und schwimmen- de Häftlinge, die die sechs Kilometer entfernte Bucht erreichten, noch erschoss – erdrückend.
(Text: Auszug von Eberhard Abele, Schorndorf, anlässlich der Stolpersteinverlegung am 3.5.2021)

Wir setzen Cookies ein, um die Zugriffszahlen auf unsere Webseite analysieren zu können. Wenn Sie diese Website weiterhin besuchen, erklären Sie sich damit einverstanden.
Weitere Informationen